Grußwort

„Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand etwas davon; denn sie fürchteten sich.“ (Mk 16,8)

Frohe Ostern?

Wohl niemand würde darauf wetten, dass gerade die Worte „… Schrecken … Entsetzen … Furcht …“ die Reaktion der Frauen am leeren Grab beschreiben. Die passen ganz und gar nicht zu Ostern. Wo bleibt der Jubel? möchte man fragen. Wo das österliche Halleluja?

Versetzen wir uns einmal – ohne unser heutiges Vorwissen – in die damalige Situation der Frauen. Sie waren zum Grab gekommen mit ihrem ganzen Schmerz über den Tod Jesu, der all ihre Hoffnung zerstört hatte. Sie rissen sich zusammen, überwanden sich, machten sich auf den Weg. Trotz ihrer bitteren Enttäuschung wollten sie Jesus ihre Treue und Liebe bezeugen. Und jetzt wird ihnen auch das noch genommen, das Grab ist leer. Auferstanden soll er sein? Solches zu glauben, war einfach außerhalb ihres menschlichen Fassungsver­mögens. Eher lächerlich, vielleicht sogar pietätlos angesichts ihrer Trauer.

So nachgedacht wird uns vielleicht bewusst, wie viel die Frauen am Grab uns heute zu sagen haben. In der Welt heute liegt vieles im Argen. Das braucht uns niemand eigens klar zu machen. Ist dann aber unser Osterfest nicht eine Zumutung für die Welt? Man könnte uns Christen fragen: Wie könnt ihr Ostern feiern angesichts der Kriege, des Ter­rors, der Millionen von Flüchtlingen, des Hungers, der Umweltzerstörung. Ist Euer Oster­jubel nicht ein Hohn in den Ohren der Leidenden?

So müssen wir uns fragen lassen, ob wir uns nicht schon allzu sehr an die Siegesbotschaft des Osterfestes gewöhnt haben. Gewöhnung ist jedoch das letzte, was das Osterfest ver­tragen kann. Was klingt in unserem Osterwusch „Frohe Ostern“ eigentlich an?

An Ostern vollzieht sich eine Kehrtwendung der Welt.

Ostern zu feiern bedeutet … – es klingt unglaublich, in Worten kaum auszudrücken – ver­suchen wir es dennoch, denn auch das ist Ostern. Ostern ist der Glaube an: Leben im Tod, Licht in der Verzweiflung, Freude in der Trauer, Sinn im Schmerz, … Ich lade Sie ein, diese Reihe der Osterbotschaft für Sie ganz persönlich fortzusetzen.

Ostern heißt: Die Welt treibt nicht einem Un-sinn zu, einer Sinnlosigkeit, einem Untergang. Ihr Ziel ist – durch allen Tod, alles Leid, alles Dunkel hindurch – die Vollendung bei Gott. Und diese beginnt nicht irgendwann, sondern immer im Jetzt. So wie damals: bereits in Sterben Jesu war seine Auferstehung da, schon auf dem Weg der Frauen zum Grab der Trost Jesu. Und heute? Wieder lade ich Sie ein, Ihre Situation ins Wort zu bringen.

Vielleicht gelingt es uns, das Osterevangelium von der Auferstehung in diesem Jahr so zu hören, als sei es das erste Mal. Vielleicht lassen wir uns dann von seiner Wucht erschüt­tern wie die Frauen damals. Dann könnte es geschehen, dass uns der Jubel tiefer ergreift. Und aus unserem Ostergruß möge eine unbeirrbare Hoffnung wachsen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen: Frohe Ostern!

Ihr Pfarrer